Interview mit Viola Kirch

Viola Kirch ist 47 Jahre alt und gelernte Bürokauffrau. Zusätzlich ist sie als Peer Counselorin ausgebildet. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren beim ZsL Mainz, zu Anfang noch ehrenamtlich, mittlerweile hauptamtlich 30 Stunden in der Woche.

kirch violaZsL: Viola, wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir im ZsL Mainz aus?

Viola: Den typischen Arbeitstag gibt es bei mir gar nicht. Ich habe einen sehr abwechslungsreichen Arbeitsalltag, da ich an verschiedenen Projekten des ZsL beteiligt bin. Zum Beispiel beschäftige ich mich mit dem Büro für Leichte Sprache „EULE“. Dazu gehört auch, dass ich an Schulungen zum Thema Leichte Sprache mitwirke. Da die Schulungen an verschiedenen Orten angeboten werden, kann ein Arbeitstag von mir an ganz unterschiedlichen Arbeitsorten beginnen.

ZsL: Was gehört neben „EULE“ noch zu deinen Aufgaben?

Viola: Ich unterstütze verschiedene Gruppen des ZsL Mainz. Dazu gehören beispielsweise die Frauengruppe und unsere neue Freizeitgruppe. Außerdem arbeite ich mit der Prüfgruppe. In der Prüfgruppe prüfen Menschen mit Lernschwierigkeiten Texte in Leichter Sprache auf ihre Verständlichkeit.
Aktuell bereite ich den Runden Tisch „Arbeit“ vor und bin mit der Unterstützung verschiedener Projekte im ZsL beschäftigt, zum Beispiel unterstütztes Wohnen und Übergang Schule-Beruf.

ZsL: Warum hast du dich für das ZsL Mainz als Arbeitgeber entschieden?

Viola: Ich habe lange in einer Einrichtung gelebt, deshalb ist mir Selbstbestimmung sehr wichtig. Bis zur vierten Klasse habe ich zu Hause gewohnt und eine Regelschule besucht, später bin ich dann in eine Einrichtung gezogen. Ich kenne die Unterschiede also aus eigener Erfahrung. Das ZsL fördert und unterstützt selbstbestimmtes Leben, damit kann ich mich absolut identifizieren. Mit meiner Arbeit für das ZsL kann ich andere Menschen auf ihrem Weg zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung unterstützen. Aus diesem Grund habe ich auch vor meiner Anstellung lange ehrenamtlich für das ZsL gearbeitet und beispielsweise die Gruppe „Mensch zuerst“ unterstützt.

ZsL: Welche Herausforderungen sind dir in deiner Ausbildung oder im Berufsalltag schon begegnet?

Viola: Ganz konkrete Herausforderungen hatte ich in dem ersten Betrieb, in dem ich direkt nach der Ausbildung gearbeitet habe. Ich war dort nämlich die Einzige mit einer offensichtlichen Behinderung. Die Räume waren zwar alle barrierefrei, aber beispielsweise unsere Betriebsausflüge nicht. Das ging soweit, dass ich nicht mehr an den Ausflügen teilnehmen sollte, damit die Barrierefreiheit bei der Planung nicht berücksichtigt werden musste.
Eine weitere Herausforderung für mich war lange Zeit die Tatsache, dass ich immer zu langsam war. Schon in der Schule beim Diktat schreiben war ich immer langsamer als alle anderen. Das hat mich immer gestört und es hat sich erst geändert seit ich Assistenz habe.

ZsL: Welches Projekt liegt dir besonders am Herzen?

Viola: Mir ist die Prüfgruppe und der Umgang mit Menschen mit Lernschwierigkeiten besonders wichtig. Es ist ein Bereich der mir einfach liegt, etwas das ich gerne mache.
Die Förderung von Inklusion, nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten, liegt mir auch sehr am Herzen. In diesem Bereich möchte ich etwas bewegen.
Das ZsL hat mich und mein Leben stark beeinflusst. Mein Auszug aus der Einrichtung und der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben, das sind Erfahrungen, die ich weitergeben möchte, um anderen Ähnliches zu ermöglichen.